Long time no see! – Wo waren Sie denn so lange?

Long time no see! – Wo waren Sie denn so lange?

Es viel passiert und eine Fahrradtour

Wow… der letzte Beitrag ist echt schon sehr lange her. Wie kommt das? Tja… es viel passiert in der Zwischenzeit. „Der Wu“ existiert nicht mehr! Ich existiere natürlich physisch schon noch, aber ich habe meinen Namen geändert. Ich heiße jetzt eigentlich „Der Sei-Wu“ aber das hört dich ziemlich bekloppt an, daher bleibe ich bei „Der Wu“! Wieso ich einen neuen Nachnamen habe, kannst Du Dir wahrscheinlich denken: Ich habe geheiratet. Hurra!

Hochzeitsfoto mit Luftballons
Copyright by Jandia Leutemann

„Na herzlichen Glückwunsch! Und das zu Zeiten von Corona? Tolle Wurst!“, denkst Du Dir sicher. Da haben wir also dieses Wort, das ich eigentlich vermeiden wollte, weil es unser aller Leben in der letzten Zeit so sehr bestimmt: WURST! Natürlich NICHT! Ich meine selbstverständlich Corona, Covid 19, die Seuche, die Pandemie. Ja, das belastet uns alle sehr, aber unser letztes Jahr hat erstaunlich wenig damit zu tun. Warte ab!

Ja, wir hatte die letzte große Party vor dem ersten Lockdown! Wir gaben eine riesige 90er Jahre Motto-Party, wo wir uns zu Britney Spears umarmen konnten, bei Take That mitgesungen und bei N*Sync getanzt haben. Es war ein heiden Spaß! Mein Schatz, der eigentlich ein ziemlicher Tanzmuffel ist, ging mit mir wochenlang zu einem Tanztrainer, der mit uns in mühevoller Arbeit eine Choreografie einstudiert hat. Das war ganz schön schweißtreibend für uns, aber ganz sicher noch viel mehr für Roman Levitas von Hochzeitstanz Hamburg.

Du willst den Tanz sehen? Aber gerne doch!

Nach der großen Party gingen wir auf Hochzeitsreise in den Teutoburger Wald. Das hört sich erstmal ziemlich unspannend an, aber wir wollten natürlich unsere Hundemaus Tinka mitnehmen und daher kommen ja große Reise nicht so wirklich in Frage, außerdem hatten wir nur eine Woche Zeit und da wollten wir nicht schon 2-3 Tage nur für die Anreise opfern. Außerdem ist es da auch sehr schön! So! 

Wir haben die Extern Steine  besichtigt. Eine machtvolle Steinformation, von der ich mir doch etwas mehr erhofft hatte. Nun ja, die Wanderung durch die Wälder dorthin war sehr schön, leider war es ARSCHKALT und wir haben uns sehnlichst auf einen heißen Kaffee gefreut, aber nix da! Da wir außerhalb der Saison dort waren, hatte das ortsansässige Café leider geschlossen. War dies schon eine Vorahnung auf das was kommen sollte? Hat das Café überhaupt öffnen können? Wir vermuten nicht.

Ein weiteres Highlight war der Besuch des Heinz Nixdorf MuseumsForums. Ein Traum für jeden Nerd!

Als das öffentliche und berufliche Leben nun allerorten immer weiter heruntergefahren wurde und die Leute ins HomeOffice verschwanden, änderte sich bei uns beiden nicht viel. Wir fuhren fleißig weiter täglich ins Büro. Wir konnten uns immer weniger mit Freunden treffen und wir mussten uns für den Sommerurlaub auch eine Alternative ausdenken: Wir mieteten uns ein Floß und befuhren die Mecklenburgische Seenplatte.

Wenn Du mehr darüber erfahren willst, hinterlasse uns gerne eine Nachricht in den Kommentaren unten!

In dieser Zeit reifte in uns die Sehnsucht nach Ruhe und dem Landleben. Wir hatten nun lange genug in Stadt gelebt. Ja, wir hatte einen Schrebergarten mit viel Grün und Ruhe, allerdings musste man dort auch hinfahren, konnte abends nichts liegen lassen, es musste immer einer nach einem Bierchen STOP sagen, damit wir auch sicher nach Hause kamen. Wollten wir den Schritt wagen? Raus aus der Stadt? Ein Haus mieten oder doch kaufen? Und wenn ja, WO? Ich suchte also über Tage und Stunden nach der passenden Immobilie und nervte meinen Schatz etwas mit den ganzen Besichtigungen, aber wir haben unser Traumhaus gefunden!

Wenn schon Dorf, dann richtig. Unser Traum vom Eigenheim mit Garten steht in Hollern-Twielenfleth, direkt hinterm Elbdeich im „Alten Land“. Der Ort hat etwas über 3.000 Einwohner und ist umgeben von unzähligen Obsthöfen mit tausenden Apfel- und Kirschbäumen. Wir haben das Haus innen schön renoviert und sind im Dezember eingezogen. Jetzt verstehst Du sicher, warum wir uns so lange nicht gemeldet haben:

Es war einfach sau viel los bei uns!

Ihr werdet jetzt also sicher in Zukunft einiges über das Alte Land am Elbstrom zwischen Hamburg und Stade lesen und als erster wollen wir Dir eine wunderschöne Fahrradtour empfehlen!

Das war es aber für heute! Wir bekommen gleich besuch von ganz lieben Freunden. Da wir gestern einen ekligen Nasenabstrichtest gemacht haben und nachweislich negativ sind, wagen wir das heute mal. Man wird ja bekloppt, wenn man die besten Freunde seit Dezember nicht mehr gesehen hat!

Damit wünschen wir Dir ein wundervolles Wochenende mit lecker Kaffee und Kuchen und guten Freunden, egal ob virtuell, persönlich oder in Gedanken!

 

Eure neuen Deichgrafen

Der Wu (Sei-Wu) mit Mann, Hund und Kaninchen 

Nur ein Gedanke, sehen wir uns wieder?

Nur ein Gedanke, sehen wir uns wieder?

Das Kriegstagebuch meines Urgroßvaters Karl

Ich habe vor ein paar Monaten von meiner Tante die Abschrift des Kriegstagebuchs meines Urgroßvater bekommen. Diese Abschrift hat die Schwester meines Großvaters verfasst und ihm 1955 übergeben.

Wieso veröffentliche ich diese sehr persönliche Familiengeschichte?
In der heutigen Zeit finde ich es beängstigend wie viel Macht rechte Populisten und rechtsradikale Parteien erhalten. Mit dieser Veröffentlichung möchte ich einen kleinen Schritt dazu beitragen, dass der ein oder andere vielleicht mal ein bisschen darüber nachdenkt. Meine Vorfahren waren Flüchtlinge! Genau! Nicht aus dem Nahen Osten oder Afrika, sondern aus Kolberg, dem heutigen Kołobrzeg in Polen. Sie wurden aufgenommen, man half ihnen und man half sich untereinander! Kolberger halfen Kolbergern, denn man kannte sich. Wenn dies heute gemacht wird, spricht man oft von Parallelgesellschaften, die sich bilden. Der einzige Unterschied ist, dass man damals zufällig die selbe Sprache gesprochen hat, aber etwas anderes war das nicht!
Auch dank des Konstrukts Europa (mag es nun in vielen Bereichen gut und in manchen nicht so gelungen sein) leben wir in Frieden.
Krieg ist für die meisten uns zum Glück etwas völlig Surreales und weit Entferntes. Mit dieser sehr persönlichen Geschichte möchte ich euch mitnehmen auf eine schwere Reise.

Wehret den Anfängen! Nie wieder Krieg! Das wäre mein Traum!

Das Stadtwappen von Kolberg

Was der Vater hier aufgezeichnet, ist mehr als nur Erinnerung. Jedes Wort, das er Dir schrieb, bedeutet Kampf nach schwerer, durchlebter Zeit; und hier spricht er mit dem pommerschen Dichterwort:
Mein Leben war ein Ringen von morgens früh bis abends spät.
An jedem Tag die gleiche Frage: Kannst Du es zwingen?
Und immer sah der Glaube: ES GEHT!

Mein lieber Bruder!
Unser lieber Vater hat während der letzten Kriegs- u. Nachkriegsmonate des uns allen unvergesslichen grausamen Krieges 1939-1945 ein Tagebuch geführt. Am 21. Januar 1945 wurde Vater zum Volkssturm eingezogen, dort beginnen seine Notizen. Aus diesen Notizen will ich für Dich ein Tagebuch gestalten, welches auch für Deine Familie eine Erinnerung an die Leidenszeit Deines Vaters sein soll.
Auch Deine liebe Mutter, meine beiden Kinder und ich mussten am 4. März 1945 unser geliebtes Kolberg verlassen. Ein Jahr waren wir auf der Flucht und wurden von den Russen u. Polen von Ort zu Ort gehetzt, ohne eine Nachricht von unserem lieben Vater und von Dir. Erst am 22. März 1946 konnten wir unseren lieben Vater in Reinbek wiedersehen. Durch ihn erfuhren wir auch, dass Du lebst und mit Deiner lieben Familie in Konstanz-Egg wohnst.
Mögest Du, mein lieber Bruder, die Worte alle so verstehen, wie sie unserem lieben Vater aus dem Herzen gekommen sind.
In Liebe geschrieben von Deiner Schwester Editha
Reinbek im April 1955

Das Tagebuch unseres Vaters

1945-1946

Sonntag, den 21. Jan. 1945 Der Krieg spitzt sich immer mehr zu. Werde zum Volkssturm eingezogen. Erste Fahrt nach Belgard. Am 22.1. nach Kolberg zurück. Verbandszeug geholt. 23.1. nach Belgard. Am 24.1. nach Tempelburg. Im Deutschen Haus auf dem Fußboden geschlafen. Bin sehr kaputt.
25.1. Fahrt nach Deutsch-Krone. Liegen im Schnee fest. Die Straßen mit Trecks u. Flüchtlingen verstopft. 20° Kälte. Unterkunft im Kino, frieren sehr. 26.1. Fahrt nach Schneidemühl Schwerer Beschuss. Fünf Autos kaputt. 27.1. Schneidemühl brennt. Fliegerangriff in Dt.-Krone. Es wird jeden Tag kritischer. Unsere Führer leben in Saus und Braus. 28.1. Dauerbeschuss. 29.1. Beschuss wird stärker. Nachts vier Mal raus. Viel Schnee, die Füße frieren. Geschosse schlagen 30-50 Meter von uns ein. Bin alleine draußen. Umgebung von Dt.-Krone brennt. Soll das so weiter gehen?
30.1. Einschläge dichter neben uns. Laufend Alarm. 31.1. Abmarsch unter schwerem Beschuss nach Märkisch-Friedland. Quartier im Pferdestall. Sehr gefroren. Bin erkältet u. habe schweren Durchfall. Am 3. Februar 5 Tage Sonderurlaub nach Kolberg. Edith (Anm. seine Tochter) führt das Geschäft alleine. Braucht dringend Unterstützung, da ich alle Wehrmachtskantinen beliefern muss (Anm. Mein Urgroßvater hatte in Kolberg eine Kolonialwaren- und Tabakhandlung). 7.2. Abfahrt von Kolberg nach Falkenburg mit dem Omnibus. Die Nacht in Dramburg. 8.2. Müssen Verwundete fahren.
9.2. Tausende Menschen, Frauen und Kinder sind auch der Flucht nach Westen. 10.2. 2 Uhr nachts Alarm. Abfahrt nach Falkenburg R.A.D.-Lager (Anm. Reichsarbeitsdienst-Lager). Schwere Fahrt an den Flüchtlingstrecks vorbei. Ein Autozusammenstoß. Unterkunft im Speisesaal. Falkenburg von Fliegern. 11.2. Weiter starken Beschuss.
12.2. Fahrt über Dramburg nach Schivelbein. 13.2. Nach Kolberg mit Otto D.. 14.-16.2. in Kolberg. Mutter, Editha und die Kinder freuen sich. 17.2. zurück nach Schivelbein. Bis 25.2. in Schivelbein. Alarm u. Fliegerangriffe. Bahnhof stark beschossen. 26.2. K. aus Stettin bei uns. 27.2. K. redet und fährt ab. 28.2. nach Kolberg mit D.. 1.3. zu Hause.

2.3. Edith und Angelika Geburtstag. Ernst am 28.2.

Am 3.3. Abfahrt nach Schivelbein. Beschuss durch Panzer. 28 Fahrzeuge mit Flüchtlingen zerschossen. Fahrt nach Stettin 78 Mann verloren. Habe D. und mich unter schwerstem Beschuss gerettet. Da keine Fahrzeuge, konnten wir unsere Familien nicht aus Kolberg rausholen. 4.3. Tag und Nach gefahren. 28 Stunden bis Stettin. Drei Tage und drei Nächte ohne Schlaf. 5.3. Trotzdem gingen sofort nach Abladen der Flüchtlinge drei Fahrzeuge Richtung Kolberg um unsere Familien dort rauszuholen. Kamen aber nur bis Demmin. Der Russe war bis zur Ostsee vorgestoßen. Die Trecks unterwegs schwer beschossen. Unsere Fahrer ebenfalls. Sehr trübe und schwere Tage für mich. Wird die Rettung unsere Familien gelingen? Ich kann nicht mehr denken.
6.3.45 Die Autos wohl nicht zurück. Alles in großer Aufregung. Fliegeralarm. 7.3. Schweres Artilleriefeuer Richtung Stettin u Gallnow. Große Feuerscheine zu sehen. Unsere Wagen noch nicht zurück. 8.3. Unsere Sorge steigt ins Unermessliche. Ein Melder berichtet, unsere Fahrzeuge sollen in Anklam sein.
9.3. Fahrer G. bringt uns die niederschmetternde Nachricht, dass sie nicht mehr nach Kolberg reingekommen sind. 19.3. Otto D. fährt nach Swinemünde. Die leeren Wagen kommen zurück. Tante Else in Stettin besucht, sie hat unsere Wäsche gewaschen. Wir haben für die Frauen gesorgt. Schweres Artillerie-Feuer. Große Brände. Dauernd Fliegeralarm.
12.3. Große Fliegergeschwader über uns. Artillerie schießt Tag und Nacht. Swinemünde schwer bombardiert. Sehr Trecks getroffen. Wo mag meine liebe Familie sein? Leben sie noch? Ich bin schwermütig. 13.3. Wir haben Wagen zur Rettung nach Swinemünde geschickt. Keine Nachricht über meine Familie. 14.3. Keiner bringt Nachricht über meine Familie. Wir alle sehr niedergeschlagen. Ist nun alles aus?
15.3. Fliegeralarm am laufenden Band u. schweres Artilleriefeuer. Wir möchten gerne helfen und können es nicht. 16.3. Das Artilleriefeuer wird stärker. Trommelfeuer Tag und Nacht. Keine Nachricht von meinen Lieben. 17.3. Erste Löhnung pro Tag 1,-RM. 68,- RM. Arie-Feuer geht weiter. 18.3. Kolberg wird laut Radio von Marine geräumt. Ob meine Familie dabei ist? Sie werden doch nicht mit im Treck gegangen sein. War nach Stettin bei Else, dort auch keine Nachricht von Mutti.
19.3. Der Russe hat Finkenwalde besetzt. Stettin unter schwerem Beschuss. Ob Else raus muss, weiß sie noch nicht. Habe ihr Lebensmittel mitgenommen. Wir denken nur an Euch, kommt her? 20.3. Unsere Fahrzeuge in Stettin schwer beschossen. Keine Verluste. Keine Post von euch. Bin sehr krank. 39° Fieber.
21.3. Abmarsch nach Meiersberg. Lauter Flüchtlinge geladen. Straßen mit Flüchtlingen verstopft. 23.3. Unterkunft bei Richard K.. Schlafe mit Decken auf Harmonikabettstelle (Anm. ausziehbares Bett, vermutl. Feldbett) Zimmer geheizt. Denke an Euch! 24.3. Auto repariert. Keine Post von Familie. 25.3. Ermittlung an alle vorpommerschen Städte nach unseren Angehörigen angestellt.

26.3. Noch immer keine Post von meinen lieben Angehörigen. Was ist bloß geschehen. Ist nun alles zu Ende? Was soll ich noch alleine auf dieser Jammerwelt? Von Heinz (mein Opa) auch keine Nachricht. Wie mag es ihm gehen? Wohnt er noch in Konstanz?

27.3. Vergebliches Warten auf Post. Womit haben wir dieses Los verdient? Es geht doch alles zu Ende! Deutschland ist nicht mehr zu retten. 28.3. Die Unruhe steigt. Ich schrecke aus dem Schlaf hoch. Kann vor Grübeln nicht mehr schlafen. 29.3. Von Oma Apmann einen Brief aus Lübeck bekommen. Sie teilt mir mit, dass meine Lieben mit Marichen u. Kindern u. Fam. T. im Treck sind. Bin sehr unglücklich. Wie konntet ihr dies machen?
30.3. Nachricht von Oma, dass Herr T. in Ückermünde ist.

31.3. Fahre zu Rudolf T. Erfahre von ihm, dass Ihr alle im Treck seid. Er durch Militärauto gerettet, aber von seiner Frau keine Nachricht. Traf Apotheker Kurt dort. Er sagt Kolberg ist fast ganz zerschossen. Auch die Trecks in der Maikulhle stark beschossen (Anm. In der Nach von 4. Auf den 5.3. wurde vom Ortsgruppenleiter G. bekannt gegeben, dass ein schwerer Beschuss der Stadt Kolberg bevorsteht. Alle Zivilpersonen sollten am Strand entlang Strand in Richtung Maikuhle fliehen. Eine Fehlentscheidung, denn genau diese Flüchtenden gerieten ins feindliche Feuer…)  Meine Hoffnung auf ein Wiedersehen mit euch schwindet. Bin sehr aufgeregt. Edith hat versagt. Auf ihre Umsicht und Sicherheit hatte ich gehofft. Nun ist eingetreten, was ich im Falle eines Falles so schwer abgeraten und verboten hatte. Was soll ich jetzt unternehmen? Seid ihr weitergekommen? Seid ihr erschossen in der Maikuhle?

3-4- Sehr trauriges Osterfest hinter uns. Das traurigste meines Lebens. 4.4. Otto D. bekommt Nachricht, dass seine Familie in Waren in Mecklenburg ist. Ich bin noch trauriger. 5.4. Brief von Gretel aus Lübeck. Sie weiß nichts von euch. Ich halte es nicht mehr aus. Brief von Oma Apmann. Unsere beiden Häuser in Kolberg abgebrannt.
7.4. Rückfahrt nach Stettin Glambecksee. Sollen nicht mehr raus. Wer unverwundet in Gefangenschaft geht wird erschossen oder der Familie wird Unterstützung entzogen. Befehl von Gauleiter Schwede-Coburg.

8.4. Haben gute Quartiere, aber Essen sehr schlecht. 9.4. Vollkommen Waffenruhe, sehr unheimlich. Nur Aufklärer über uns. Keine Nachricht von euch. Meine Unruhe steigert sich ins Unendliche. Müssen unter Beschuss für Schwede-Coburg 12.000 Flaschen Kognak von der Last a.die (?) holen. Wir haben aber Verluste.
11.4. Keine Nachricht, kein Hoffnungsschimmer. Mehrere Kameraden haben Nachricht von ihren Familien. 12.3. Arie-Feuer setzt zu. Man kann die Granaten draußen hören, doch hoffentlich sehen wir uns wieder. 13.4. Geschützdonner Tag u. Nacht. Keine Nachricht von euch. Lebt Wohl! Gedenket meiner wenn eine Granate für mich bestimmt ist.

14.4. Geschützdonner immer stärker. Überall vor u. dicht bei uns große Brände. 25.4. Muttis Geburtstag. Der schwerste Tag meines Lebens. Habe geweint. Gedenke Dein den ganzen Tag. Kann nicht essen noch trinken Mehrere Kameraden bekommen Post von ihren Angehörigen. Das macht mich noch trauriger. 16.3. Bombenabwürfe in unmittelbarer Nähe. Den ganzen Tag Fliegerangriffe mit Bordwaffen u. Bomben. Wir sind gleichgültig geworden, es rührt uns nicht mehr. Keiner geht in den Luftschutzkeller. Jeden Tag Verluste. Nur ein Gedanke, sehen wir uns wieder?

17.4. Habe am Glambeksee geangelt um eine Zerstreuung zu haben. 18.4. Artilleriefeuer u. Fliegerangriffe verstärken sich von beiden Seiten. Wie geht’s euch? 19.4. Abfahrt mit D. nach Waren 150km. 20:00 Uhr Ankunft bei seiner Familie. Fragt keiner wie mir zu Mute war. 20.4. In Waren den ganzen Tag Alarm u. Beschuss von russischen Fliegern. Gedenke Eurer. 21.4. In Waren Bombenabwürfe, keine erheblichen Schäden. In Gedanken bin ich bei euch. 22.4. nach dem elenden Glambecksee zurück. Unterwegs aus dem Auto raus in Deckung, da große Fliegergeschwader über uns. Luftkämpfe. Kommen wir noch nach Stettin?
23.4. Dörfer u. Städte vor uns brennen. Alles flieht! Wir müssen vorwärts, näher an den Russen zwischen Artilleriestellung. Schwer Beschuss. Tote u. viele Verwundete. 24.4. Beschuss den ganzen Tag. Trotzdem habe ich wegen Übermüdung die ganze Nacht geschlafen. 25.4. Abrücken mit unbekanntem Ziel. 26.4. Kühe gekauft u. geschlachtet. Essen seit Wochen das erste Mal sehr gut.
27.4. Nachts Abfahrt über Torgelow nach Hammer. Den ganzen Tag Panzer u. Artillerie u. Fliegerkämpfe vor und hinter uns. 28.4. keine Stunde Schlaf im Auto. Sofort weiterfahren ohne Schlaf nach Eichhof. 28.4. Dort der Russe so nah. Fahren sofort weiter nach Kagendorf bei Regen u. ohne Licht. Lebensgefährliche Fahrt, wurde dreimal angefahren. 29.4. Hans K. hat uns mit 2 Fahrzeugen und mehreren Leute eigenmächtig verlassen u. ist ausgerissen. Er wird immer gefährlicher.
30.4. Drei Tage kein Schlaf, nur 1-2 Stunden im Auto. Nachbardorf Dücherow schwer bombardiert. Abfahrt nach Demmin. 2 Stunden im Schweinebüdel geschlafen. Dort nachts schwerer Fliegerangriff. Wie geht es euch? 1.5. In Neukalen den schwersten Angriff durch Flieger. Eine Bombe 10m rechts u. eine 6 m links von mir eingeschlagen. Unser Wagen hob sich hoch u. saß im Dreck. Eine Frau am Kopf verletzt. Die Frau ins Krankenhaus nach Teterow gefahren. Teterow bombardiert.

2.5. Dauerndes Fahren über Wokern, Güstrow, Hohenspenz, Schwen, Bützow, Lübberdorf, Neu-Kloster, Reinsdorf u. Ventschow. Hier Beschuss. Autos kaputt u. Pferde tot. Nach Bad Kleinen u. Dambeck. Hier von den Amerikanern festgehalten. 4.5. Trafen hier V. und S. aus Kolberg. Am 6.5. nach Hof Kneese. Nachts im Kuhstall. Am nächsten Tag konnten wir mit Rädern weiterschieben, aber nur Landwege. Es war schwerer Lehm u. sehr aufgefahren. 7.5. Habe schweren Durchfall, dazu dieser Tag sehr heiß. Es wurde mir schwarz vor Augen. Aber immer weiter Richtung Lübeck über Dörfer, mal vorwärts, mal rückwärts.

8.5. Chausseen waren verboten zu befahren. Weiter über Pogetz, Marienmühle, Parlow, Raddiesdorf usw. in starker Gefahr unsere Sachen zu verlieren. Vielen Flüchtenden war alles abgenommen worden. Am 9. Mai 8 Uhr morgens schoben wir abgehetzt u. vollständig kaputt in Lübeck ein. Gehen zu Gretel Apmann.  Wurden freundlich aufgenommen. 10.5. Oma Apmann war bei Grete Apmann ausgezogen. Ich stelle fest, dass keine Kartoffeln im Keller. Versuche zu beschaffen, aber vergeblich.
11.5. Fahre zu Oma Apmann. Sie gibt mir Adressen von Kolbergerin Frau M. Gehe hin u. bekomme von ihrem Schwager, der eine Kunsthonigfabrik hat, 20 Kartoffeln u. Honig. Erster Anfang! 13.5. Wir finden mehr Kolberger: D., M. u. Hugo B. 14.5. Bekomme auf meine und D. Karten 30 Kartoffeln. Gretes Karten sind längst verbraucht. Wenn wir nich gekommen wären, hätte sie keine Kartoffeln gehabt. Ich denke an unser Kolberg. Wo mögt ihr bloß sein? Kommt doch bald.

15.5. Grete hat kein Holz u. Kohlen im Keller. Suchen alles zusammen, zersägen u. hauen es. Bin sehr traurig. Was machen Mausi und Bolli (Anm. seine Kinder Angelika und Erst). 17.5. D. u. ich besuchen Hugo B. in Hauberge. Bekommen von ihm 4 Brote. Eins habe ich Oma gegeben. Treffen mehr Kolberger…. (Anm. Hier enden die Aufzeichnungen)

Es sollte noch fast ein Jahr dauern, bis er erfuhr, dass seine Familie überlebt hatte und er sie in Reinbek bei Hamburg wiedersehen konnte.

Danke, dass Du das Tagebuch gelesen hast. Wenn Du denkst, dass mehr Menschen das lesen sollten, darfst Du die Seite natürlich teilen!

Vielen Dank,
Dein WU

Eine Reise in die Vergangenheit und unser erster Urlaub mit Hund

Eine Reise in die Vergangenheit und unser erster Urlaub mit Hund

Als wir uns dazu entschieden hatten, einen Hund bei uns aufzunehmen, wollten wir gleich zu Anfang gemeinsam Urlaub zu machen. Wir hatten gelesen, dass man sich so am besten kennenlernen kann. Wir hatten schon länger eine Reise nach Polen geplant, weil mein Großvater im damaligen Westpommern geboren wurde.

Auszug aus der Geburtsurkunde

Für uns war schnell klar, dass wir genau dorthin fahren wollten. Da mein Großvater schon lange nicht mehr lebt, sprach ich viel mit meiner Oma. Geboren wurde er in der Nähe von Stöckow und ein Teil der Familie lebte in einem Dorf, dass den Namen unserer Familie trug. Wo genau dieses Dorf heute liegt, war nicht ganz klar, da die Orte heute polnische Namen haben. Nach etwas Recherche konnte ich herausfinden, dass der heutige Name Osowo ist und ein kleines Dörfchen mit eben diesem Namen in der Nähe von Kolberg zu finden ist, denn dort hat mein Opa seine Jugend verbracht.

Als Homos nach Polen?

Also unter den heutigen politischen Voraussetzungen wären wir etwas vorsichtiger, aber ängstlich sind wir generell nicht. Wie man in den Wald hineinruft, so schallt’s raus, ist unser Motto. Wir haben über ein Billig-Reise-Portal ein Romantik-Arrangement in einem Schlosshotel in der Nähe von Osowo gebucht. Dieses Arangement beinhaltete Rosen auf dem Bett, eine Buddel Sekt auf dem Zimmer, eine romantische Kutschfahrt und ein Candle-Light-Dinner. Bei der Buchung musste man die Namen aller Reisenden angeben, warum ich das erwähne, werdet ihr später erfahren.
Also die Reise war gebucht und bald ging es los.

Die Fahrt

In aller Herrgottsfrühe fuhren wir mit dem Auto in Hamburg los. Über 600 Kilometer lagen vor uns. Unser Weg führte uns vorbei an Lübeck, Rostock. Greifswald, Usedom, Swinemünde, Kozalin nach Krąg. Für diese Fahrt hatten wir uns damals unser ersten Navi gekauft und das lotste und bei Swinemünde auf eine Fähre.

Was für ein wunderschöner Zufall, den damit hatten wir nicht gerechnet und so konnten wir etwas „Seeluft“ schnuppern. Besonders für Tinka waren die neuen Gerüche spannend.

Unser Hotel

Endlich in Krąg angekommen, erfreuten wir uns am wunderschönen Schlosshotel Podewils. Nach dem Einchecken ging es auf’s Zimmer und dort erwartete uns die Flasche Sekt, die Rosen auf dem Bett, aber da wir ja 2 Männer sind, wurden unsere Betten sicherheitshalber auseinandergeschoben und wir hatten zwei romantisch dekorierte Einzelbetten. innocent

Natürlich haben wir die Betten sofort wieder zusammengeschoben.

Das Hotel wurde hauptsächlich von deutschen Rentner-Pärchen besucht und wir haben das Durchschnittsalter enorm gesenkt. Von den „Alten“ wurden wir kritischer beäugt als vom sehr freundlichen Personal. Bei der romantischen Kutschfahrt durch die umliegenden Wälder, konnte wir die Gegend prima erkunden, aber da diese viel zu schnell vorbei war, habe wir noch eine historische Tour gebucht. Der Kutscher brachte uns zu alten Ruinen aus westpommerschen Zeiten, alten Bahnhöfen und zu einem alten deutschen Friedhof mitten im Wald, den die Natur sich schon wieder zurückerobert hatte. Noch schöner wäre es gewesen, wenn man nicht die ganze Zeit den Geruch der offensichtlich vor Jahrzehnten zum letzten Mal gewaschenen Uniformjacke des Kuschers in der Nase gehabt hätte… Aber dies machte er mit seiner Freundlichkeit mehr als wett.

Das Dorf Wussow

Der große Tag war da, ich würde das Dorf besuchen, von dem ich meinen Nachnamen habe und wo der Hof von Onkel Hermann war. „Der gehört immer noch uns“ sagte meine Oma vorher und genauso haben sich die Dorfbewohner verhalten. Wir wurden mehr als skeptisch beobachtet und innerhalb kürzester Zeit stand das ganze Dorf an den Gartenzäunen. Kein Wunder, denn wieso fährt ein deutsches Auto kilometerweit über extrem schlechte Straßen durch den Wald?! Und dann steigen da auch noch zwei Männer aus und machen Fotos. Wir konnten das sehr gut nachvollziehen.
In dem Dorf gab es nur noch eine alte Hof-Ruine (das könnte der alte Hof gewesen sein), eine Kapelle und ein paar neuer sehr ärmliche Bungalows.

Kolberg – Die Jugend meines Großvaters

Meine Urgroßeltern lebten in Kolberg in der Börsengasse und da Kolberg nicht weit weg war, haben selbstverständlich auch das besucht. Die Stadt wurde im Zweiten Weltkrieg stark zerstört, aber viel wurde wieder hergestellt. Die Börsengasse haben wir tatsächlich gefunden, allerdings standen da „wunderschöne“ sozialistische Plattenbauten.

Nach dieser Woche habe ich nicht nur das Gefühl gehabt meinem Großvater gedanklich näher gekommen zu sein, sondern wir auch unserer Tinka. Eine Reise auf vielen Ebenen.

Ich bedanke mich für Eure Aufmerksamkeit

Euer Wu

Verkehrsmittel

Wie lange wir mit dem Auto für die über 600 Kilometer gebruacht haben, weiß ich nicht mehr, aber bei so einer Strecke ist auch der Weg das Ziel und man kann viel entdecken.
Von der Überfahrt mit der Fähre in Swinemünde bis hin zu den Pilzsammerln und Prostituierten am Straßenrand.

Landschaft

Die Woiwodschaft Westpommern

Sie liegt im nordwestlichen Teil des Landes und umfasst den gesamten westlichen Teil des historischen Hinterpommerns sowie (im äußersten Westen) einen kleinen Teil des historischen Vorpommerns und (im Südwesten) einen ebenfalls kleinen Teil der ehemaligen Neumark. Die Hauptstadt der Woiwodschaft ist die Metropole Stettin (Szczecin).

Quelle: Wikipedia

Hundekompatibel

Wenn man die Burg oder Museen besichtigen will, hat man Probleme den Hund unterzubringen.

Im Hotel wurde Tinka sehr freundlich aufgenommen, allerdings durfte sie wie so oft das Restaurant nicht betreten. Daran halten wir uns natürlich, aber wir finden Hunde weniger störend als schreiende Kinder 😉

Queer friendly

Wir hatten keine Probleme, wenn man mal von den getrennten Betten absieht, aber wir denken mal, dass das einfach Unsicherheit des Hotels war. Offensichtlich wird es hauptsächlich von heterosexuellen Rentnern besucht und da sind wir Homos schon noch Exoten.

Besonderheiten

Vor allen Dingen als Reise in die Vergangenheit der Großeltern wird Polen immer interessanter. Man ist sich diesem Teil der Geschichte bewußt und nutzt das Ganze mittlerweile touristisch. Der frühere Argwohn gegenüber den Deutschen verändert sich gerade sehr. Man wird sich bewußt, dass man eine ähnliche Geschichte hat, weil die Polen auch aus ihrer Heimat vertrieben und umgesiedelt wurden.
Bei der jüngeren Generation ist das gar kein Problem mehr.

Um sein Autoi braucht man keine Angst haben, da die Polen fast alle ganz neue Autos fahren und unsere gar nicht wollen… wink

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